Kröten on Tour

Den Kröten über die Straße helfen

Es ist ein faszinierendes Naturschauspiel, das sich jedes Jahr fast zeitgleich in ganz Mitteleuropa abspielt: Sobald die Nächte milder werden und der erste Frühlingsregen fällt, verlassen die Erdkröten (Bufo bufo) ihre Winterquartiere und kehren zu ihren Geburtsstätten zurück, an denen sie selbst einst aus dem Ei geschlüpft sind. Je nach Witterungsverhältnissen findet diese Wanderung meist zwischen Mitte Februar und April statt. Die Kröten warten dabei auf ganz spezifische Bedingungen, um ihre Winterstarre zu überwinden:

  • Temperatur: Es muss nachts mindestens 5 °C bis 7 °C warm sein.
  • Feuchtigkeit: Idealerweise regnet es leicht. Bei Trockenheit bleiben die Tiere lieber in ihren Verstecken unter Laub, Steinen oder in Erdlöchern.
Erdkröte auf dem Weg - Frühling kann kommen
Erdkröte auf dem Weg - Frühling kann kommen; Foto: Lucas Blank

Bemerkenswert auf dem oberen Foto ist die Tarnfähigkeit der Erdkröte. Man kann sie zwar mittig auf dem Foto erkennen, da sie im Fokus ist, jedoch wäre dies in einer realen Umgebung situationsbedingt ungleich schwerer. Es wäre ein leichtes, diese Erdkröte, nicht zuletzt auch aus einer gewissen Entfernung, überhaupt nicht zu erkennen, da sie mit dem umgebenden Wasser und Laub zu verschmelzen scheint.

Erdkröten-Huckepack
Erdkröten-Huckepack; Foto: Lucas Blank

Der Startschuss: wenn der Wecker klingelt

Oft sieht man auf den Wanderwegen eine große Kröte, die eine deutlich kleinere auf dem Rücken trägt. Das ist kein Elternteil mit Kind, sondern ein Paarungsverhalten: Die Männchen sind kleiner und klammern sich schon auf dem Weg zum Gewässer an den Weibchen fest, um sich ihren Platz für die Fortpflanzung zu sichern.

Die Orientierung: der innere Kompass

Es ist erstaunlich, wie zielsicher Erdkröten navigieren. Forscher gehen davon aus, dass sie eine Kombination aus verschiedenen Sinnen nutzen:

  • Geruchssinn: Sie erkennen den spezifischen Duft ihres Heimatgewässers.
  • Magnetfeld: Sie nutzen das Magnetfeld der Erde zur groben Orientierung.
  • Topografie: Sie prägen sich markante Geländestrukturen ein.

Der Ruf des Wassers - ein Ruf nach den Ursprüngen

Erdkröten sind extrem ortstreu. Den Großteil des Jahres verbringen sie in Wäldern und Gebüschen, doch zur Fortpflanzung akzeptiert ihre Biologie nur ein ganz bestimmtes Gewässer: meist jenes, in dem sie selbst als Kaulquappe geschlüpft sind. Daher starten Erdkröten aus ihrem Winterquartier zielstrebig in Richtung ihres feuchten Ursprungs. Bei unserem sehr engmaschigen Straßennetz jedoch, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Erdkröten auf ihrem Weg mindestens eine Straße überqueren müssen. Bei ihrer Überquerung sind sie dabei nicht immer aufmerksam im Sinne, wie es ein Mensch wäre. Sie sind eher behäbig und lassen sich für eine Straßenüberquerung Zeit. Dies liegt in ihrer Natur. 

Achtung! Erdkröten queren
Achtung! Erdkröten queren; Foto: Lucas Blank

Allerdings hat die Natur ihre Gründe, wieso sich die Erdkröten nicht geradlinig und zielstrebig über eine Autostraße bewegen:

 

1. Die Schreckreaktion (Totstellreflex)
Dies ist das größte Problem. Wenn eine Erdkröte Gefahr wittert – etwa durch das grelle Licht von Scheinwerfern oder die Vibrationen eines herannahenden Autos –, flüchtet sie nicht. Stattdessen bleibt sie regungslos sitzen. Der biologische Sinn: In der Natur schützt dieses Verhalten vor Fressfeinden, die auf Bewegung reagieren. Die Folge auf der Straße: Die Kröte verharrt mitten auf dem Asphalt, was sie zur leichten Zielscheibe für Reifen macht.

2. Fortbewegungsart: Gehen statt Hüpfen
Im Gegensatz zu Fröschen, die meist weite Sprünge machen, bewegen sich Erdkröten oft im Schreitgang (also gehend) voran. Das ist energetisch sparsamer, dauert aber wesentlich länger. Eine Erdkröte benötigt für eine normale zweispurige Straße oft mehrere Minuten.


3. Der „Barriere-Effekt“ des Asphalts
Straßen sind für Amphibien extrem lebensfeindliche Zonen. Die Temperatur des dunklen Asphalts speichert Wärme oder ist oft kälter als der Waldboden, was den Stoffwechsel der wechselwarmen Tiere beeinflussen kann. Trockenheit ist für Erdkröten schädlich. Erdkröten müssen ihre Haut feucht halten. Eine trockene Straße entzieht ihnen Feuchtigkeit, was sie manchmal mitten auf dem Weg erschöpft pausieren lässt.

Krötenbarrieren des NABU Gedern helfen Krötenleben zu retten

Wir unterstützen die Ortsgruppe des NABU Gedern bei ihren Krötenzäunen oder -barrieren, um die Tiere von der Straße fernzuhalten. Krötenzäune sind ein entscheidender Teil des Artenschutzes, da sie verhindern, dass tausende von Tieren auf dem Weg zu ihren Laichgewässern jährlich unter die Räder kommen. Straßen zerschneiden die Wanderrouten der Erdkröten allzu oft, so dass die Erdkröten häufig Straßen überqueren müssen, weil es ihnen ihr Instinkt vorgibt.

Eine Krötenbarriere
Eine Krötenbarriere; Foto: Lucas Bank

Allerdings gibt es lange nicht an allen relevanten Straßen die so wichtigen Krötenbarrieren. Manchmal kann man sie sehen - an der Straßenrändern. Oftmals fehlen diese Hindernisse aber vollends und wo dies der Fall ist, ist gerade ab Mitte Februar Vorsicht geboten beim Autofahren. Es muss immer mit Krötenüberquerungen gerechnet werden, auch völlig unvermittelt hinter der nächsten Kurve.

Kröten im Eimer
Kröten im Eimer; Foto: Lucas Blank

Funktionsweise: Wie ein Krötenzaun arbeitet

Ein Krötenzaun ist im Grunde eine Barriere mit einem Sammelsystem. Er besteht, natürlich neben dem Zaun oder Barriere selbst aus Fallfallen, die in regelmäßigen Abständen im Boden versenkt sind. Diese Fallfallen bestehen zumeist aus Eimern. Das Prinzip ist nun folgendes:

 

Wenn die Erdkröten den Zaun erreicht haben, laufen sie solange an ihm entlang, bis sie ein Schlupfloch durch diesen hindurch gefunden haben. Wenn die Erdkröten dieses Schlupfloch nutzen, fallen sie in die dort jeweils angebrachten Eimerfallen. Auf diese Weise können die in den Behältern befindlichen Erdkröten von Helfern regelmäßig gezielt abgeholt werden und sicher über die Straßen bis zu ihren Gewässern gebracht werden. Dies ist echter Naturschutz - für lebende Tiere, die sich fortpflanzen wollen.


Etwas verdutzt und doch gechillt
Etwas verdutzt und doch gechillt; Foto: Lucas Blank

Text und Gestaltung: Michael Paul; Fotos: Lucas Blank